Experten-Interview mit Herbert Saurugg

Experten warnen schon seit längerer Zeit vor einem möglichen Blackout in weiten Teilen Europas. Erst Anfang Jänner sind wir solch einem Ereignis nur knapp entkommen. Wie es zu einem Totalausfall der Versorgungsstruktur in Europa überhaupt kommen kann, welche Konsequenzen sich daraus ergeben und was der Einzelne tun kann, darüber hat SAVERO mit dem Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge, Herbert Saurugg, gesprochen. Der Blackout-Experte schildert im Interview, welche Rolle die erneuerbaren Energien im Stromreigen spielen, erzählt, wie er selbst die Materie für sich entdeckt hat und weiterhin dafür brennt, und betont, wie wichtig gesellschaftlicher Zusammenhalt vor allem in Krisenzeiten ist.

SAVERO: Wer ist Herbert Saurugg?

Herbert Saurugg: Ich bin gebürtiger Steirer und schon sehr früh mit dem Thema Notfall und Einsatzorganisationen in Berührung gekommen. Mit zwölf Jahren bei der Jugendfeuerwehr, später im Militärrealgymnasium, weiter bei der Militär- und Sanitätsausbildung und schließlich der Berufsoffiziersausbildung. Auf die Stromversorgung bin ich durch das Studium gestoßen. Und das Thema hat mich nicht mehr losgelassen. Ich habe gesehen, da gibt es Dinge, die kritisch werden können. Andererseits hat sich auch gezeigt, dass niemand zuständig und verantwortlich ist. 2012 bin ich ausgestiegen, um das Thema in die Breite zu bringen - was mir gelungen ist. Leider auch aufgrund von Entwicklungen, die mir Recht gegeben haben.


Was ist die konkrete Motivation dahinter?

Damals ist mir klar geworden, dass unsere Zukunft auf dem Spiel steht. Alles ist vom Strom abhängig und wenn er ausfällt und wir nicht darauf vorbereitet sind, haben wir nur wenige Tage, an denen wir als Gesellschaft, wie wir sie heute kennen, noch existieren würden. Andererseits steht die Ignoranz der Menschen dem Thema gegenüber. Daher ist es wichtig, es zu transportieren und der Erfolg, der damit einher geht, zeigt sich. Die Einschätzungen sind richtig und notwendig und daher auch diese Beharrlichkeit meinerseits.


Einen Stromausfall kennen wir alle – was ist der Unterschied zum Blackout?

Ein Stromausfall ist in relativ kurzer Zeit wieder behoben. Bei einem Blackout kommt es zu großflächigen Stromausfällen in weiten Teilen Europas – und damit binnen Sekunden zu einem Totalausfall. Das tritt eine Kaskade los, die wir uns nicht vorstellen können, weil wir es noch nicht erlebt haben. Das beginnt damit, dass das Licht ausfällt. In Folge ist das gesamte Verkehrssystem lahmgelegt, die Kommunikation funktioniert nicht mehr – also kein Handy, kein Internet, kein Festnetz. Auch das Geldsystem und die Lieferketten fallen aus, weil alles von IT und Strom abhängig ist. Im schlimmsten Fall entstehen auch rasch Probleme mit der Wasserversorgung und der Abwasserentsorgung. Und damit kommen wir als Gesellschaft wirklich abrupt zum Stillstand. Wenn ich gerade auf einer Wanderung bin, werde ich es gar nicht wahrnehmen. Stecke ich aber in einem Aufzug fest, wird schnell eine Stresssituation entstehen. Das heißt, für die individuelle Wahrnehmung wird es durchaus eine Zeit dauern, bis ich merke, um was es wirklich geht und was es für mich bedeutet. Aber als Gesellschaft ist das eine große Herausforderung. Die Wiederanlaufzeiten für die Systeme werden völlig unterschätzt. Dabei spreche ich nicht von der Stromversorgung, sondern von der Infrastruktur. Es wird dauern, bis wir gesellschaftlich wieder auf dem Niveau sein werden, wie wir es heute kennen.


Was ist im Jänner schiefgelaufen?

Am 8. Jänner gab es die bisher zweitgrößte Großstörung im europäischen Verbundsystem. Wir sind Teil dieses Systems und es funktioniert nur als Ganzes. Es reicht von Portugal bis in die Türkei und von Sizilien bis nach Dänemark. Die bisher größte Großstörung war am 4. November 2006. Damals hat eine geplante Leitungsabschaltung in Norddeutschland dazu geführt, dass binnen 19 Sekunden zehn Millionen Haushalte in Westeuropa finster waren. Am 8. Jänner hatten wir wieder eine Netzauftrennung, die durch eine Überlastung eines Betriebsmittels in Kroatien ausgelöst wurde. 43 Sekunden später war Südosteuropa von Nordwesteuropa abgetrennt. Die Hauptursache war aus meiner Sicht eine massive Überlastung durch einen großen Stromtransport vom Balkan Richtung Iberische Halbinsel. Das hängt mit dem Stromhandel zusammen. So gab es in Spanien und Frankreich massiven Bedarf und damit eine Unterdeckung. Am Balkan war gerade Feiertag und zu viel Produktionskapazität zur Verfügung und daher billig. Es wurde eingekauft und großflächig transportiert, was zu dieser Überlastung in Kroatien und in Folge von weiteren 13 Knotenpunkten geführt hat, die sich dann zum Eigenschutz abgeschaltet haben. Diese überregionalen Stromtransporte sollen in Zukunft noch deutlich erhöht werden und daher befürchte ich, dass die Gefahr eines Blackouts deutlich steigen wird.


Man sollte meinen, die Technik schreitet voran. Was macht unser Stromsystem so instabil?

Das stimmt grundsätzlich. 2006 war man noch völlig unvorbereitet auf dieses Ereignis, auch kaum koordiniert. Es war viel Glück dabei, dass es nicht schlimmer gekommen ist. Man hat viel davon gelernt. Vor allem, was technische Absicherungen betrifft. Dennoch wird das System immer fragiler. Im Jahr 2011 musste Österreich zwei Millionen Euro für die Systemstabilität – also für Kraftwerkszu- und -abschaltungen – aufwenden. Damals gab es zwei wesentliche Eingriffe. 2018 waren dagegen 346 Millionen Euro für Eingriffe an 301 Tagen nötig. Das zeigt eine massive Zunahme von kritischen Situationen. Neben dem schon erwähnten Stromhandel spielt dabei die Energiewende eine große Rolle. Der Umstieg von fossil auf erneuerbar wird unsystemisch vorangetrieben. Man ersetzt nur die Erzeugung, aber nicht die Systemfunktion, die die bisherigen Kraftwerke mitgebracht haben. Kohle-, Gas-, Atom- und Wasserkraftwerke haben Speicherkapazitäten in der Primärenergie. Diese fehlen den Erneuerbaren. Windproduktion ist nur dann möglich, wenn der Wind weht, Photovoltaik nur dann, wenn die Sonne scheint. Das Stromversorgungssystem funktioniert allerdings nur dann reibungslos, wenn die Balance zwischen Erzeugung und Verbrauch permanent ausgeglichen ist. Bei den Erneuerbaren existiert kein Puffer dazwischen. Warum es bisher so stabil war, hat mit der Systemfunktion der alten Kraftwerke zu tun. Durch Generatoren ist eine Momentanreserve sichergestellt, die allerdings nach und nach abgebaut wird. So legt etwa Deutschland in den nächsten Monaten große Kohle- und Atomkraftwerke still. Ersatz gibt es dafür keinen. Schon der 8. Jänner hat gezeigt, dass bereits zu wenig Momentanreserve vorhanden war. Es ist zum Glück noch gut gegangen.


Es ist die Rede von 100 Prozent erneuerbarer Energie. Wie kann das funktionieren?

Aus heutiger Sicht gar nicht. Wir haben noch nicht die technischen Möglichkeiten, diese permanenten Schwankungen auszugleichen. Nur weil es im kleinen oder überschaubaren Rahmen funktioniert, kann man das nicht einfach hochskalieren.


Wie sicher können wir uns in unserem Land fühlen? Ist Österreich, sind die Gemeinden auf solch einen Krisenfall vorbereitet?

Was Blackout-Vorsorge betrifft, nimmt Österreich mittlerweile eine Vorreiterrolle ein. Immer mehr Gemeinden und Unternehmen beschäftigen sich mit dem Thema – auch aufgrund meiner Aktivitäten. Aber insgesamt reicht es noch nicht, um das Szenario bewältigen zu können. Das hängt auch an externen Abhängigkeiten bei der Versorgungslogistik. Und so lange nicht zumindest die Hälfte der Bevölkerung in der Lage ist, sich zwei Wochen selbst versorgen zu können, helfen auch die organisatorischen Maßnahmen nur bedingt. Niemand kann neun Millionen Menschen – oder auch nur sechs Millionen, wie es nach einer Woche zu erwarten ist – notversorgen. Daher ist es so wichtig, dass der Einzelne Maßnahmen trifft, um den Kipppunkt hinauszuschieben. Wir wissen, dass sich ein Drittel der Bevölkerung maximal vier Tage selbst versorgen kann, zwei Drittel maximal sieben Tage. Der Kipppunkt liegt damit zwischen vier und sieben Tagen.


Kipppunkt bedeutet was? Was passiert da?

Dass unser gesellschaftlicher Zusammenhalt auseinanderbricht und die Lage kaum noch beherrschbar ist. In urbanen Räumen geschieht dies früher als am Land. Sind Menschen im gefühlten Überlebenskampf, kommt es zu Eskalationen, die Gewaltbereitschaft steigt. Supermärkte werden geplündert, Einrichtungen zerstört. Im schlimmsten Fall holen sich Menschen das Notwendigste von jenen, die noch etwas haben. Wir glauben, wir sind zivilisiert, daher wird das massiv unterschätzt. Doch die Gefahr, dass wir alle bisher gewohnten Schranken verlassen, ist durchaus real. Es wird nicht sofort flächendeckend die Anarchie eintreten, aber punktuell wird es zu Überschreitungen unseres gewohnten zivilisierten Zusammenlebens kommen.


Du selbst bietest Vorträge für Gemeinden und Unternehmen an? Kommen deine Botschaften an?

Mittlerweile ja. Das heißt nicht, dass sofort umgesetzt wird, aber es gibt zunehmend mehr Aktivitäten und auch die Bereitschaft, sich das einmal anzuhören. Ein erster großer Erfolg ist im Lebensmittelversorgungsbereich zu verbuchen. Dort mobilisiert ein Unternehmen bereits seine Mitarbeiter zur Eigenvorsorge und gibt klare Anweisungen, wie im Fall des Falles vorzugehen ist. Das ist für mich ein sehr positives Beispiel.


Also ist es besser, selbst aktiv zu werden. Was kann ich konkret tun?

Natürlich kann ich mir im Internet, bei Vorträgen und in Workshops Informationen holen. Doch es beginnt alles damit, zu akzeptieren, dass so etwas möglich – sogar sehr wahrscheinlich – ist. Dann ist man zumindest nicht mehr überrascht und kann die Entwicklung besser einschätzen. Denn für gewöhnlich wird alles immer besser, je länger es dauert. Hier wird es aber immer schlimmer, je länger es dauert. Und dann geht es darum, sich selbst, die eigene Familie, 14 Tage ohne externe Unterstützung und ohne einkaufen gehen zu müssen, über die Runden zu bringen. Dafür ist es nötig, einen Notvorrat anzulegen. Das betrifft Wasser, Nahrungsmittel, aber auch Medikamente. Wenn wir das schaffen, haben wir schon sehr viel gewonnen. Dann können auch die Menschen, die die Systeme wieder hochfahren, in die Arbeit gehen, weil sie ihre Familie in Sicherheit und versorgt wissen. Zu erwarten, dass es von irgendwo anders Hilfe geben wird, ist auszuschließen. Weil ja alle selbst betroffen sind und nichts funktioniert.


Man findet im Internet sehr viel. Was ist der Vorteil, wenn ich einen Vortrag oder Workshop besuche?

Ein Workshop liefert nicht nur konkrete Tipps, sondern heißt auch, das Handling üben zu können. Es hilft nichts, etwas zu kaufen, das ich dann nicht bedienen kann, weil ich es vorher nicht ausprobiert habe. Ein weiterer Vorteil ist, dass man gezielter bevorraten kann. Für mich war es zu Beginn auch: einfach einkaufen. Dann sieht man sich vor großen Mengen, die man eigentlich eh nicht braucht. Das kann man wiederum durchaus positiv sehen, weil ich Reserven habe, um auch anderen helfen zu können. Gegenseitige Unterstützung sorgt für einen starken Zusammenhalt. Das ist auch für die eigene Sicherheit zuträglich. Wir müssen das gemeinsam schaffen. Denn, wenn sich jeder zurückzieht und vielleicht sogar an Bewaffnung denkt, dann kommen wir ziemlich schnell in eine Situation, die nicht mehr beherrschbar ist. Aber das ist auch Teil des Workshops, dass man einmal lernt, was es bedeutet, jetzt eine Waffe oder ähnliches zu haben. Kann ich überhaupt damit umgehen oder ist eine Waffen nicht vielleicht eine größere Gefahr für mich selbst? Das soll aber ganz zum Schluss stehen. Vorrang hat das Gemeinschaftliche. Das verhilft dazu, dass ich die Sicherheit in meinem Umfeld erhöhen kann. Mit einem Workshop kann man sich einfach ein paar Kilometer ersparen. Man muss nicht alles selbst erfahren, sondern wird gezielt angeleitet und kommt somit schneller ans Ziel und kann sich wieder anderen Dingen widmen.


Welche ist die wesentlichste Botschaft, die jeder Einzelne verinnerlichen sollte?

Dass wir damit rechnen müssen, dass es passiert, auch wenn wir uns das nur schwer vorstellen können. Und dass es massivste Auswirkungen auf die Grundversorgung haben wird. Daher müssen wir selbst für uns die Verantwortung übernehmen. Die Suche nach Schuldigen wird uns dabei nicht helfen. Auch die Gemeinden sind gefragt, denn sie sind die Kernstruktur der Gesellschaft. Nur dort ist eine Grundnotversorgung möglich. Das beginnt bei der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung, reicht über die geordnete Abgabe von Lebensmitteln bis hin zur Gesundheitsnotversorgung, um die Krankenhäuser zu entlasten, die sonst relativ rasch kollabieren. Daher muss ich möglichst viel dezentral lösen und mich auch darauf einstellen, dass es länger dauern wird. Zudem Ruhe bewahren und mit dem eigenen Umfeld in Kontakt bleiben. Solange das funktioniert, werden wir auch Lösungen finden. Jeder Einzelne von uns hat also eine zentrale Rolle zum Gelingen dieser Krise beizutragen. Und das beginnt mit einer guten Vorbereitung, denn in der Krise ist es zu spät.